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Jürgen Akuloff

Jürgen Akuloff

Die Mauer und der Freie Fall danach

Die medialen Jubeltage sind vorbei und mit jedem Jahr nach der Grenzöffnung werden die Folgeerscheinungen deutlicher. Die verständliche Freude über die neue Freiheit fand sorgfältige Medienunterstützung, die friedliche Revolution hat in der Ge-schichtsschreibung berechtigt einen würdigen Platz der Anerkennung ostdeutscher Demokratiebewegung gefunden.

Es ist nicht überraschend, dass Ursachen und Abläufe der friedlichen Revolution unterschiedlich interpretiert werden. Es überwiegt der Eindruck einseitiger Betrachtungsweise zum Ereignis der Grenzöffnung für die symbolisch der Begriff Mauerfall geprägt wurde.

30 Jahre Zeitgeschichte beanspruchen Objektivität in der Bewertung von Ereignissen. So ist es beispielsweise nicht zutreffend, die politischen und ökonomischen Probleme in der DDR so darzustellen, als wäre die Wiedervereinigung die Grundforderung der Bürgerinnen und Bürger im November 1989 gewesen. Die über 70.000 Leipziger demonstrierten für Meinungs- und Reisefreiheit und forderten Gewaltlosigkeit.

Auf einer Versammlung von 800 Theaterschaffenden schlug die Schauspielerin Jutta Wachowiak vor, am 4. November 1989 eine Kundgebung für eine demokratische DDR durchzuführen. Über 20 Redner schilderten ihre Vorstellungen zum Reformbedarf vor einer halben Million Teilnehmern und noch mehr TV-Zuschauern.

Politisch bedeutsam wurden Runde Tische. Bemerkenswert ist die Ausarbeitung des Entwurfs einer neuen Verfassung für die DDR. Der Gestaltungsanspruch »Wir sind das Volk!« ist später in »Wir sind ein Volk!« umdefiniert worden. Chronologisch begann damit eine neue Etappe der friedlichen Revolution. In den Regierungskreisen der BRD und nicht nur dort wurde die Chance zur politischen Beeinflussung der Ereignisse erkannt. Leider blieben Gespräche auf Regierungsebene mit unserem Ministerpräsident Hans Modrow ohne zufriedenstellende Resultate.

Die gewaltfreie Revolution

Im Zusammenhang mit der Öffnung der Grenzübergänge zur BRD ist die Feststellung falsch, dass die Nichtanwendung von Waffengewalt bei Demonstrationen dem Einschreiten von Michael Gorbatschow zu verdanken sei. Egon Krenz hat in seinem Buch »Wir und die Russen« ausführlich dargestellt, dass sein Befehl zum Einsatzverbot von Schusswaffen vom 3. November ohne Vorgaben aus Moskau gegeben wurde. Ebenfalls belegt sind die Konsultationen mit dem Oberkommandierenden der so-wjetischen Streitkräfte in Wünsdorf, Armeegeneral Snetkow, zum Kasernenverbleib und Manöververzicht auf Initiative der DDR-Führung. Für die Schutz- und Sicherheitsorgane verbot sich Gewaltanwendung gegen die eigene Bevölkerung.

Aus eigener Aufgabenstellung können Maritta Böttcher und ich als Vorsitzende der Kreiseinsatzleitungen für Jüterbog und Luckenwalde diesen damals geheimen Befehl Nr.11/89 mit elf Untertiteln als Befehlsempfänger bestätigen. Die Anwendung der Schusswaffe im Zusammenhang mit örtlichen Demonstrationen wurde grundsätzlich verboten. Für uns 1. Sekretäre der Kreisleitungen stand die politische Offensive im Mittelpunkt aller Anstrengungen.

So fand am 5.11.1989 das 1. Luckenwalder Gespräch mit über 1.200 Teilnehmern im Stadttheater statt. Der offene Meinungsaustausch mit tumultartigen Unterbrechungen dauerte an diesem Sonntag über fünf Stunden. Die Montagsdemonstrationen mit bis zu 2.000 Teilnehmern richteten sich gegen die SED, gegen die Reisebeschränkungen und auch gegen Amts- und Machtmissbrauch. Politische Forderungen bezogen auf den Beitritt oder Anschluss an die BRD traten vereinzelt auf. Erst mit der Vorbereitung der Wahlen zur Volkskammer begann auch in Luckenwalde die Einflussnahme der bundesdeutschen Parteien auf die hiesigen Parteistrukturen der Blockparteien.

30 Jahre ohne Mauer

Zweifellos hat der Zugewinn persönlicher Freiheiten die Gesellschaft grundlegend verändert und letztlich zur Polarisierung beigetragen. Ob das Scheitern des Sozialismus die Welt besser und sicherer gemacht hat, bleibt eine Kernfrage mit unterschiedlicher Beantwortung.

Scheinbar erfüllte Sehnsüchte nach Freiheit sowie die gegenstandslos gewordene Systemauseinandersetzung mit dem Sozialismus könnte doch mehr Mittel und Möglichkeiten für die soziale und ökologische Entwicklung der Länder freisetzen. Der Konjunktiv steht, weil das Erscheinungsbild der heutigen Gesellschaft von einer Glaubwürdigkeitskrise geprägt ist.

Unzufriedenheit über Politik breitet sich aus, die Parteiverdrossenheit wächst. Die Regierungsparteien können oder wollen nicht gegensteuern, weil die eigene Machtausübung Priorität hat. Selbst Denkzettelwahlen sind für CDU und SPD kein Alarmsignal, Problemlösungen ohne Parteienegoismus auf den Weg zu bringen.

Kürzlich hat die CDU auf dem Leipziger Parteitag ihre Alleinstellungsmerkmale gesucht und konstatiert, sie wolle als »Partei der Mitte« die schwierigen Herausforderungen lösen, weil der linke und rechte Rand stärker geworden ist. Dabei müsse man sich unbedingt gegen Demokraten von links wie Bodo Ramelow abgrenzen. Geht's noch? In dieser Hinsicht existiert sie noch, die Mauer in den Köpfen von Politikern des Westens. Es macht betroffen, wie die Deindustrialisierung Ostdeutschlands die heutigen Sozialprobleme verschärft hat. Die Lebensumstände vieler Ostdeutscher werden ignoriert.

Aus den Folgeerscheinungen von verfehlter Politik werden Herausforderungen der Zeit. Kaum ein Lebensbereich ist nach dem Mauerfall unproblematischer geworden. Rentenpolitik und Altenpflege, Infrastruktur und Energiepolitik sowie weitere Politikfelder verlangen neue Lösungswege.

National wie international hat der Fall der Mauer als Grenze zwischen zwei Weltsystemen keine Gesundung des politischen und ökonomischen Weltklimas bewirkt.


"Luckenwalde steht links."

Theodor Fontane (1819-1898), Wanderungen durch die Mark Brandenburg

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