24. Februar 2018

Studie zeigt: 20 Prozent aller Kinder empfinden sich oder eigene Familie als arm.

Norbert Müller

Jedes fünfte Kind im Alter von 6 bis 11 Jahre erlebt sich oder seine Familie als arm. Das war das erschreckende Ergebnis der World Vision Kinderstudie. Armut bringt „Zuwendungsmangel über höheren Medienkonsum, weniger Freundschaften und mehr Ängste bis hin zu mehr Diskriminierungserlebnissen“ mit sich. Sie reicht also bis in alle Lebensbereiche.

Eins der größten Folgeprobleme von Armut ist die Vererbbarkeit. Wesentlicher Grund hierfür ist der fehlende Zugang zu Bildung und die daraus resultierende Armutsspirale. Nur 17 Prozent der Kinder aus der finanziell unteren Schicht geben das Abitur als Ziel an. So gelingt es nur den wenigsten Familien dauerhaft der Armut zu entgehen. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen benötigen die Kinder möglichst früh Unterstützung genauso wie gute Bildungs- und Teilhabeangebote, welche nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig sind. Wie es gehen kann zeigt Brandenburg. Hier haben wir als erstes Bundesland das Schüler-Bafög eingeführt. Aktuell erhalten, je nach Bedarf, bis zu 2.500 Abiturienten zwischen 50 und 100 Euro für Bildungsausgaben. Über eine Erhöhung des Betrags wird bereits diskutiert.

Nach dem die Bundesregierung es in den letzten vier Jahren massiv versäumt hat, etwas gegen Kinderarmut zu unternehmen, findet sie im aktuellen Koalitionsvertrag immerhin eine größere Beachtung. Doch ist dies leider kein Grund zur Entwarnung. Zwar definiert der Entwurf des Koalitionsvertrages die Bekämpfung von Kinderarmut endlich als Ziel, die aufgezeigten Maßnahmen reichen aber bei weitem nicht aus, um das Problem ernsthaft anzugehen. Denn eine Erhöhung des Kindergelds um 25 Euro oder die Zielsetzung zur Entbürokratisierung sind hier nur Tropfen auf den heißen Stein.

Diese Versäumnisse der letzten Jahre scheinen außer der Bundesregierung auch fast allen bekannt zu sein. 77 Prozent der Kinder und Jugendlichen und 73 Prozent der Erwachsenen sagen, laut Kinderreport, dass zu wenig gegen Kinderarmut unternommen wird. Und 90 bzw. 73 Prozent sind der Auffassung, die Politik habe sich dem Thema nicht ausreichend gewidmet.

Bereits 1989 wurde die UN-Kinderrechtkonvention verabschiedet und inzwischen auch von Deutschland und fast allen UN-Staaten ratifiziert. Sie benennt die Rechte von Kindern und ist für alle Mitglieder bindend. Vermerkt in der Konvention ist unter anderem das „Recht auf Teilhabe am sozialen, kulturellen und künstlerischem Leben“. Eines von vielen Rechten, welche auch in Deutschland immer noch nicht konsequent für alle Kinder umgesetzt werden.

Beide Studien zeigen: Kinderarmut ist weiterhin ein großes Problem und das wird auch allgemein wahrgenommen. Sie geben Denkanstöße und Ideen zur Verbesserung und die scheinbare Sensibilisierung in der Politik und Bevölkerung macht Hoffnung auf Fortschritt. Doch wird die Bekämpfung der Kinderarmut auch in den nächsten Jahren eine große Herausforderung bleiben. Hier ist in den vergangenen Wahlperioden einfach viel zu wenig passiert. Zeit, endlich allen Kinder und Jugendlichen gerecht zu werden und grundlegende Kinderrechte umzusetzen. Dafür werden wir weiter kämpfen.

Wer sich die Ergebnisse noch einmal genauer anschauen möchte, kann sich auf den folgenden Internetseiten die Zusammenfassungen herunterladen:

4. Kinderstudie von World Vision

Kinderreport Deutschland 2018 des Deutschen Kinderhilfswerks

Norbert Müller ist kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Deutschen Bundestag.